Kapitel 1

‚Das reicht für heute.‘

 

Mit diesem Gedanken stand ich auf, nahm meinen mit frisch gepflückten Kräutern gefüllten Korb und machte mich auf den Nachhauseweg. Als ich aus den Wald trat und Richtung Dorf blickte, erkannte ich eine von Angst erfüllte Spannung und wusste auch sofort, wer Anlass dafür war! Langsam näherte ich mich Locksley und beobachtete erst aus sicherer Entfernung das Geschehen.

 

‚Sir Guy.‘ Es ging wieder mal um Robin und Gisborne drohte den Bewohnern, um irgendwelche Informationen zu bekommen. Er begriff nicht, wie sinnlos seine Drohungen waren, da Robin uns nie von seinen Plänen erzählte. Warum sollte er auch? Er und seine Freunde versorgten uns nur mit Nahrungsmitteln und auch hin und wieder mit Geld. Als Gisborne meiner besten Freundin zu nahe kam und sie grob packte, ging ich direkt auf ihn zu.

„Sir Guy!“ Er drehte seinen Kopf in meine Richtung. „Was?!“, blaffte er mich an.

 „Lassen Sie sofort die Finger von ihr! Egal wie sehr Sie ihr drohen, es hat keinen Sinn.“

„So?“, antwortete er und zog dabei seinen linken Mundwinkel nach oben.

„Ja. Denn weder sie noch sonst irgendjemand von uns kann Ihnen helfen. Wir wissen nicht wo Robin steckt und was er tut.“  Gisborne ließ von Beth ab und steuerte direkt auf mich zu.  Gerade wollte Gisborne seinen Arm nach mir austrecken um mich zu packen, als der Sheriff nach ihm rief.  „Das nächste Mal kommst du mir nicht so leicht davon.“, knurrte er mich an und ging.  Die anderen Dorfbewohner blickten mich mit großen Augen an und ich zeigte mit einem zufriedenen Lächeln, dass alles in Ordnung war. Danach ging ich in mein Haus.  Während ich meine Kräuter sicher verstaute, klopfte es an meine Tür. Es war Beth. "Beth? Bitte, komm doch rein.“  Schüchtern trat sie ein und wir setzten uns an den Tisch.

„Danke! Du hast mich gerettet.“ Ihr steckten noch immer der Schreck und die Angst in den Knochen. Ich ergriff ihre Hände und antwortete: „Dafür sind Freunde doch da.“, und lächelte ihr aufmunternd zu.

„Weißt du was, ich mache uns beiden jetzt einen Tee. Der beruhigt die Nerven.“ Gesagt, getan. Eine Weile saßen wir beide noch zusammen, tranken Tee und unterhielten uns bis in den Abend hinein. Als Beth von ihrem Stuhl aufstand, bot ich ihr an sie nach Hause zu begleiten. Beth lehnte ab. Ich begleitete sie zur Tür und sah ihr noch eine Weile nach. Beth und ich kannten uns schon seit unserer Kindheit. Wir wuchsen gemeinsam auf und wurden beste Freundinnen. Beth ließ sich schnell und leicht einschüchtern. Entsprechend hatte sie natürlich Angst vor Gisborne. Aber damit war sie nicht allein. Viele Dorfbewohner hatten vor Gisborne Angst; nur wenige hatten den Mut sich ihm entgegen zu stellen und meistens musste man dies büßen.

 

Am nächsten Morgen, als ich mir gerade mein Frühstück zubereitete, klopfte es an meiner Tür. Es war Robin; ein durchschnittlich großer junger Mann mit kurzen braunen Haaren und unrasiert. Ich war erstaunt ihn schon so bald in der Früh hier zu sehen.

„Hallo Robin!?“

„Guten Morgen Rose! Ich habe gehört, Gisborne hat euch gestern wieder gedroht?“ Ich bejahte seine Frage und meinte noch scherzhaft: „Könntest du ihm bitte bei Gelegenheit mal eine Liste mit deinen Plänen zukommen lassen?“ Bei diesen Worten musste Robin grinsen.

„Du hast ihm die Stirn geboten?“

"Irgendjemand muss ihm ja sagen, dass sein Verhalten falsch ist!?“

 „Ja natürlich und das ist auch mutig von dir. Aber bitte pass auf; Gisborne darf man nicht unterschätzen.“  Das wusste ich natürlich und versicherte Robin, vorsichtig zu sein. Robin übergab mir noch meinen Anteil der Lebensmittel und verabschiedete sich.  Nach dem Frühstück ging ich meiner Arbeit nach und besuchte kranke und verletzte Menschen im Dorf um ihnen zu helfen. Meine Mutter hat mir beigebracht, wie man mit den Naturkräutern aus dem Wald und Garten effektiv Wunden behandeln konnte. Und ich gab auch Tipps, wie sich mit diversen Kräutern guter Tee kochen ließ.  Da ich zeitig fertig wurde, nutzte ich den sonnigen Nachmittag für einen Ausritt auf meiner braunen Stute. Während meines Ausrittes am Waldesrand entlang erblickte ich Gisborne wie er wieder mal um Marian warb. Er gab sich Mühe; wirkte aber manchmal etwas Unbeholfen. Und Marian erleichterte es ihm nicht gerade; im Gegenteil. Ihre Körpersprache zeigte Gisborne gegenüber Ablehnung. Es war ihr anzusehen, dass sie ihn nicht ausstehen konnte.  Ich ritt in den Wald hinein; einen kleinen, kaum sichtbaren Weg entlang in Richtung einer gut versteckten kleinen Lichtung. Ich hatte sie mal zufällig entdeckt, als ich aus Kummer in den Wald lief. Seitdem ziehe ich mich hin und wieder gerne auf diese Lichtung zurück. Ein blumenbewachsenes Fleckchen im Wald, umringt von Bäumen und Sträuchern, auf dem die Sonnenstrahlen, welche durch die Baumwipfel drangen, fielen. In der Nähe floss ein Bach. Ich sattelte meine Stute ab und setzte mich auf einen großen Stein. Lange hing ich meinen Gedanken nach und dachte u.a. auch über den gestrigen Tag nach.  Seit König Richard im Heiligen Land war, hat sich das Leben hier sehr verändert und das nicht zum Vorteil. Der neue Sheriff und Gisborne tyrannisierten uns und alle lebten nur noch in Angst und Schrecken. Auch das Vertrauen untereinander, wurde manchmal in Frage gestellt. Es machte mich traurig, unser Dorf so ängstlich zu sehen. Wobei es ja nicht nur unser Dorf betraf. Es waren auch die anderen Dörfer in der Umgebung davon betroffen.  Plötzlich wurde ich durch ein Rascheln aus meinen Gedanken geschreckt. Ich blickte mich um, konnte aber auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches erkennen. Wieder ein Rascheln. Dann fühlte ich mich beobachtet; mir stellten sich die Nackenhaare auf. Ich versuchte eine Bewegung auszumachen, aber ich konnte einfach nichts erkennen. Dann sah ich mich nach meinem Pferd um. Es graste seelenruhig in meiner Nähe. Ich wandte meinen Kopf nach links und sah nun einen Schatten. Langsam stand ich auf und tastete nach meinem Dolch, welchen ich immer unter meiner Kleidung versteckt bei mir trug. Als sich meine Finger um den Griff des Dolches schlossen, trat ein junger brünetter Mann aus den Büschen hervor.

„Alan!? Hast du mich erschreckt.“

„Entschuldige, das wollte ich nicht.“

 Alan sah besorgt aus. Nach kurzem schweigen erzählte mir Alan, dass er nach mir gesucht habe.

„Wir brauchen deine Hilfe, Rose. Kannst du bitte mit mir ins Camp kommen?“

„Ja, kann ich schon. Aber erst musst du mir sagen, wofür ihr meine Hilfe benötigt.“

Alan erklärte mir, dass sie im Wald eine verletzte junge Frau gefunden hatten und ich sollte sie mir ansehen.

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