Kapitel 46

Warum mich meine Füße ausgerechnet hierher gebracht hatten, wusste ich nicht. Ich stand einige Zeit nur so da. Dann wurde ich langsam müde; aber nach Hause wollte ich trotzdem nicht. Nur, wohin sonst? Spontan in einem Hotel übernachten konnte ich nicht, da ich außer meinem Wohnungsschlüssel nichts bei mir hatte. Naja, hier in Wien war nun mal Yvette meine einzig richtig gute Freundin. Ja, Tom und ich waren mehr als nur Arbeitskollegen. Wir verstanden uns auch privat gut. Aber das war nicht die Art von Freundschaft, so dass ich mich trauen konnte, ihn nachts zu „überfallen“. Außerdem wusste ich nicht einmal, wo er wohnte. Und zu Sternentänzer konnte ich auch nicht, da ich den Schlüssel für den Stall nicht mit hatte…

Ich seufzte; also musste ich wohl oder übel doch nach Hause. Schon machte ich mich auf den Weg, als mir Samuel in den Gedanken kam. Zwischen uns beiden hatte sich doch auch eine Freundschaft entwickelt. Und zwar eine sehr gute sogar. Also griff ich nach meinem Handy… „Mist!“, fluchte ich leise. Ich hatte es ja in meinem Zimmer auf den Boden fallen und liegen lassen. Und nun? Auch wenn Samuel und mich eine gute Freundschaft verband, sollte ich es wirklich wagen um diese Zeit einfach bei ihm aufzutauchen? Ich dachte kurz darüber nach und beschloss, es zu riskieren und so machte ich mich auf den Weg zu seiner Wohnung.

 

Ich läutete… nichts. Ich läutete ein zweites Mal… Eine verschlafene Stimme sprach aus der Sprechanlage: „Ja?“

„Samuel, ich bin es; Elisabeth…“ Samuel hatte mich rein gelassen. Verschlafen in seinen Shorts stehend, blickte er mich an der Wohnungstür überrascht an.

„Bitte entschuldige, dass ich dich um diese Zeit störe…“

„Was ist denn passiert? Aber komm doch erst mal rein.“

„Danke.“ Ich hatte gar nicht bemerkt, wie müde und erschöpft ich eigentlich schon war. Als ich in die Wärme trat, drohten meine Füße nachzugeben. Samuel brachte mich stützend in sein Wohnzimmer auf die Couch.

„Danke!“ brachte ich nur mehr flüsternd hervor.

Von einer Decke umhüllt, begann ich Samuel zu erzählen, was mich quälte.

„Was mache ich nur falsch?“

„Ich denke nicht, dass du jetzt tatsächlich etwas falsch machst. Es ist nur, Marcus war seine Familie immer schon sehr wichtig. Und seine letzte Beziehung ist schon sehr lange her. Für ihn ist das alles eine große Umstellung…“

„Aber er hatte jetzt ein halbes Jahr, um sich an mich zu gewöhnen!“ Weinend verbarg ich mein Gesicht in meinen Händen. Tröstend legte mir Samuel seinen Arm um meine Schultern.

„Entschuldige…“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Aber du brauchst jetzt Schlaf!“

Samuel brachte mir Bettzeug und von ihm ein Shirt.

„Danke!“

„Gute Nacht und schlaf gut!“

„Gute Nacht!“

 

Ich wurde von dem herrlichen Duft eines Kaffees geweckt. Bevor ich aufstand streckte ich mich noch genüsslich.

„Guten Morgen!“, kam es von Samuel, der mit einer Tasse Kaffee in der Hand in der Küche stand.

„Guten Morgen!“

Als ich aufstand, fiel mein Blick auf die Uhr. Es war bereits halb eins.

„Oh mein Gott! Warum hast du mich nicht geweckt?“

„Nur keine Panik! Ich bin doch selbst erst aufgestanden.“

„Tut mir leid, dass ich dich zu so einer unchristlichen Zeit überfallen habe.“

„Jetzt hör auf damit!“

Samuel zeigte mir sein Bad und drückte mir ein Badetuch in die Hand.

„Ein ‚Frauen-Duschshampoo‘ habe ich leider nicht.“, grinste er beinahe verlegen

„Kein Problem. Ich mag herben Duft.“, und stellte mich sogleich unter die Dusche. Als ich mit dem Badetuch umwickelt aus dem Bad kam, bekam ich auch schon eine heiße Tasse Kaffee in die Hand gedrückt.

Bevor Samuel im Bad verschwand, meinte er noch mit einem Nicken zum gedeckten Frühstückstisch „Bedien dich!“. ‚Wow!‘, dachte ich. Also zog ich mich an und tat dann wie geheißen; ich frühstückte.

Samuel brachte mich mit dem Auto nach Hause.

„Danke nochmal für alles!“

„Habe ich doch gern gemacht. Dafür sind Freunde doch da und außerdem warst du doch auch schon für mich da!“

Mit einer Umarmung verabschiedeten wir uns.

 

In der Wohnung war es ganz still. ‚Ach ja! Yvette und Máté sind ja heute nach Miskolc gefahren.‘, fiel es mir wieder ein. Sofort suchte ich in meinem Zimmer mein Handy. Es hatte durch den Aufprall keine Schäden erlitten und so rief ich gleich Yvette an.

„Hallo Yvette! Sorry, dass ich ohne Nachricht einfach verschwunden bin. Ich möchte dir und Máté schöne Tage in Miskolc wünschen! Kommt gut an und auch wieder gut nach Hause.“

Nach dem Telefonat blickte ich auf Marcus´ Geschenk. Ich rief ihn an; sofort war die Mailbox dran… Okay, er wollte also ungestört sein.

Immer noch das kleine Päckchen in der Hand, ließ ich mich auf mein Bett sinken. Mir gingen Samuel´s Worte durch den Kopf ‚…seine Familie ist ihm sehr wichtig…‘ Familie ist auch wichtig. Und ja, gerade in seinem Beruf ist auch Halt sehr wichtig! Aber … biete ich ihm zu wenig Halt? Dann sah ich auf das große Bild, das mir Marcus zu meinem Geburtstag geschenkt hatte. „…einen unserer schönsten Momente in unserer Beziehung…“, hatte es Marcus genannt. Jetzt überfiel mich ein Gefühl von Scham. Ich war tatsächlich auf seine Familie eifersüchtig! Die ganze Zeit habe ich Marcus „beschuldigt“ mich nicht richtig zu lieben. Dabei war ICH diejenige, die ihn „nicht richtig“ liebte.

Endlich öffnete ich Marcus´ Geschenk. Während ich es betrachtete, konnte ich mir genau vorstellen, mit wie viel Liebe er es ausgewählt hatte. „Oh Marcus!“, flüsterte ich und mir kamen sofort wieder die Tränen. Unaufhaltsam liefen sie mir übers Gesicht. Marcus hatte mir ein Bettelarmband mit einem Anhänger daran gekauft. Der Anhänger war Engelsflügel, die ein Herz bildeten. Am liebsten hätte ich Marcus jetzt umarmt und ihm mit einem Kuss für dieses wunderschöne Geschenk gedankt. Ich versuchte ihn noch ein Mal am Handy zu erreichen. Wieder sofort die Mailbox…

 

Eigentlich hatte ich über die Weihnachtsfeiertage frei. Aber ich konnte wieder einmal mit meiner Freizeit nichts anfangen. Yvette war mit Máté in Miskolc und Marcus war bei seinen Eltern. So verbrachte ich die Tage im Reitstall. Unterstützte die anderen bei der Arbeit und machte mit Sternentänzer nun wieder vermehrt Dressur; dazwischen gönnte ich uns aber auch lange entspannte Ausritte.

Okay; die Tage zu überstehen, war also kein Problem mehr. Aber wie sollte ich die Abende überleben? Ich musste auf jeden Fall etwas unternehmen, denn in der Wohnung hielt ich es nicht aus. Also beschloss ich jeden Abend ins Stylez zu gehen. Dort traf ich einige „Romeo & Julia“ Darsteller und wir hatten zusammen Spaß. Irgendwann hörte ich, wie sich ein paar von ihnen über Silvester unterhielten. Sie überlegten, wie sie ins neue Jahr feiern könnten/wollten.

„Und wie wirst du Silvester feiern?“, fragte mich Jessica. Das war eine gute Frage. Ich hatte keine Ahnung, wie ich Silvester verbringen würde. Vermutlich ohne Marcus. Er hatte sich bei mir bis jetzt noch nicht gemeldet und ich konnte ihn auch nicht erreichen.

„Ich weiß es noch nicht…“, antwortete ich auf Jessica´s Frage.

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