Kapitel 36

Jetzt flog Yvette für vier Wochen nach Japan. Dies würden bestimmt die härtesten vier Wochen für die beiden werden. Sie hielten es ja kaum einen Tag ohne den anderen aus. Máté hatte zwar sofort sein Einverständnis gegeben – wie mir Yvette erzählte – aber es war hart für ihn.

Nachdem wir den Flughafen verlassen hatten, trennten sich die Wege von Máté und mir. Obwohl ich in den letzten Tagen kaum was mit Yvette unternommen hatte, war es trotzdem jetzt auf einmal still. Ich wusste plötzlich nichts mehr mit meiner Freizeit anzufangen. Mit Marcus war es aus und wirklich sehen wollte ich ihn auch nicht. Also war nichts mit „Romeo & Julia“ anschauen. Wie nun die Zeit totschlagen? Zuerst probierte ich es mit einem Buch. Aber wirklich Lust zu lesen hatte ich auch nicht. Dadurch begriff ich kaum was ich las und so wurde das Buch wieder zur Seite gelegt. Nun schien mich die Wohnung zu erdrücken und ich ging raus. Nur wohin sollte ich? Erstmals lief ich eine Zeitlang nur ziellos durch die Gegend.

Es war jetzt Abend und mir war langweilig. Nun beschloss ich doch in die Vorstellung von „Romeo & Julia“ zu gehen. Also ging ich auf gut Glück hin und stellte mich bei der Abendkassa an und bekam auch noch Karten für die zweite Reihe. Als ich auf meinem Platz saß und der Vorhang hoch ging, fühlte ich mich nicht ganz wohl. Spätestens bei „Schuldlos“ bereute ich meinen Entschluss beinahe. Ich nahm mich zusammen und konzentrierte mich einfach auf das Ensemble. Aber während des Schlussapplauses konnte ich nicht anders und mein Blick wanderte zu Marcus und verharrte auf ihm. Marcus bemerkte mich und unsere Blicke trafen sich.

Nach der Vorstellung ging ich gleich nach Hause. Einige Minuten später läutete es. Máté stand vor der Türe.

„Störe ich?“

„Nein, komm doch rein.“

Máté machte einen niedergeschlagenen Eindruck.

„Kann ich hier übernachten?“

„Klar!“

Ich machte Máté und mir noch einen Tee und wir unterhielten uns lange bis in die Nacht hinein.

 

Am nächsten Morgen, als ich aufstand, war Máté auch schon auf.

„Guten Morgen!“, gähnte ich mehr oder weniger. Ich wunderte mich darüber, dass Máté schon auf war. Er konnte nicht mehr schlafen und hatte schon Frühstück gemacht. Als ich aus dem Bad kam, war der Tisch schon „gedeckt“.

Bevor ich ging, wandte ich mich nochmal um, holte die Schlüssel von Yvette – die sie mir dagelassen hatte – und gab sie Máté. „Yvette hat bestimmt nichts dagegen, wenn du sie hast. Und du kannst jederzeit rein.“ Dann fügte ich noch mit einem Augenzwinkern hinzu: „Wirst ja nix anstellen!?“

Heute war wieder mein erster Arbeitstag und ich stürzte mich mit vollem Eifer hinein. Nach der Arbeit nahm ich Sternentänzer und übte mit ihm in der Reithalle Dressur. Obwohl ich so selten mit ihm arbeitete, war Sternentänzer gut in Form und es machte Spaß. Als ich mich mit Sternentänzer wieder zum Ausgang begab, kam plötzlich Marcus durch die Tür. Mir blieb vor lauter Schreck kurz das Herz stehen und ich war über sein Auftauchen überrascht, versuchte ihn aber zu ignorieren.

Ich brachte Sternentänzer in seine Box. Marcus ging mir schweigend hinterher. Als ich Sternentänzer absattelte und den Sattel auf seinen Platz hängte, kam mir auch schon Marcus mit Sternentänzer´s Zaumzeug nach. Mit einem kühlen „Danke“ wollte ich ihm das Zaumzeug aus der Hand nehmen. Dabei berührten sich unsere Hände und ich ließ erschrocken los. Marcus hängte das Zaumzeug auf.

„Elisabeth, bitte hör mir zu!“, flehte er mich an.

„Ich denke, zwischen uns ist alles gesagt. Es ist aus Marcus!“

Aber Marcus ließ nicht locker und da ich kein Unmensch sein wollte, willigte ich zu einem Gespräch ein.

 

Wir gingen in ein kleines Cáfé. Ich ließ Marcus reden und hörte ihm einfach nur zu. Während er redete, blickte er starr auf sein Getränk und ich beobachtete ihn. Nachdem Marcus seine Erklärungen und Entschuldigungen abgeschlossen hatte, sah er mich an, um an meinem Gesichtsausdruck meine Reaktion ablesen zu können. Ich sagte nichts. Marcus nahm meine Hand; ich entzog sie ihm aber sofort wieder.

„Es hat keinen Sinn Marcus. Wir haben uns in letzter Zeit nur noch gestritten. Und wenn wir uns ehrlich sind, hatten wir in unserer gesamten Beziehung nur wenige Momente, in denen wir uns nicht stritten oder missverstanden.“ Marcus wollte mir wiedersprechen.

„Akzeptiere meine Entscheidung zur Trennung. – Bitte Marcus“ Nach diesen Worten zahlte ich und ging.

 

Nach diesem Treffen ging ich noch spazieren, um wieder klare Gedanken fassen zu können. Ich kam erst spät nach Hause und Máté kam kurz nach mir. Wir redeten wieder bis spät in die Nacht.

Die Tage vergingen und Marcus ließ sich bei mir nicht mehr blicken.

Ich hatte mit Yvette per Mail regelmäßig Kontakt. Sie fragte mich nach Máté; wie es im ging und ich antwortete ihr, dass es ihm so eigentlich gut ging; nur dass er sie schrecklich vermisste und einen lustlosen Eindruck machte. Auch dass wir bis spät in die Nacht hinein redeten, um nicht schlafen gehen zu müssen. Dass das Reden uns beiden gut tat. Ich ansonsten von Máté nicht viel sah. Genaugenommen nur am Abend und in der Früh. Dazwischen war ich arbeiten und meine Freizeit widmete ich Sternentänzer. Da er so gut in Form war, machte ich mit ihm wieder mehr Dressur. Oft überlegte ich auch schon, vielleicht an einem Turnier teilzunehmen, verwarf aber diesen Gedanken sofort wieder. Dass mir Marcus wieder über den Weg gelaufen war, erwähnte ich nicht.

Die Wochen vergingen schnell und der Tag von Yvette´s Rückkehr stand bald vor der Tür.

 

Máté und ich unterhielten uns wieder mal, um nicht schlafen gehen zu müssen, als plötzlich mein Handy läutete. Uwe Kröger war dran. Das machte mich erst mal sprachlos.

Wären des Telefonats beobachtete mich Máté gespannt, da er mitbekommen hatte, dass es um Yvette ging. Nach einigen Minuten war das Telefonat wieder beendet. Máté war inzwischen aufgestanden und nervös durch die halbe Wohnung spaziert. Als er bemerkte, dass ich nicht mehr telefonierte, kam er auf mich zu und fragte mich ganz aufgelöst: „Was ist mit Yvette??“

„Bitte versuch dich wieder zu beruhigen.“

Es fiel Máté nicht leicht, aber er bemühte sich und setzte sich zu mir auf die Couch. Ich versuchte ihm in aller Ruhe zu erklären, was ich am Telefon erfahren hatte.

„Yvette ist im Krankenhaus. Sie ist nach der Vorstellung zusammengebrochen. Uwe sagte, dass es laut Aussage der Ärzte ein Kreislaufkollaps war und sie wollen sie nur zur Beobachtung noch drin behalten. Es kann sein, dass sich ihre Heimreise dadurch verspätet. Aber wir sollen uns keine Sorgen um sie machen.“

Máté stiegen Tränen in die Augen. „Yvette … im Krankenhaus? Und … und ich kann nicht bei ihr sein!“ Máté machte das völlig fertig. Nun liefen ihm die Tränen übers Gesicht und ich nahm ihn in den Arm. Tröstend strich ich ihm über den Kopf und hoffte, dass es Yvette gut ging…

Kommentar schreiben

Kommentare: 0