Kapitel 34

Obwohl es schon spät war, packte ich noch meine Koffer und bereitete – für den Fall, dass ich Yvette morgen nicht mehr zu Gesicht bekommen sollte – einen Brief für sie vor.

Hallo Yvette,

 

während du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr in Wien sein.

Ich habe gestern mit Marcus Schluss gemacht und brauche jetzt von allem etwas Abstand.

Also fahre ich für unbestimmte Zeit zu meinen Eltern und meinem Bruder. Versuche mich bitte nicht zu erreichen,

denn ich werde mein Handy abschalten. Sollte Marcus versuchen, sich nach mir zu erkundigen, bitte ich dich, ihm nicht zu sagen, wo ich bin. – Danke! Und mach dir um mich keine Sorgen. Sobald ich mich wieder gefangen habe, werde ich mich bei dir melden. – Versprochen!

Genieße einfach dafür deine Tage mit Máté, ohne meine „Beziehungsmanagerin“ zu sein.

 

Hab dich lieb

Sissy

 

Ich hatte schlecht geschlafen und wachte am Morgen wie gerädert auf. Als ich aufstand, war von Yvette nichts zu sehen. Also ab unter die Dusche.

Ohne etwas zu frühstücken, nahm ich meinen Koffer, legte für Yvette den Brief auf den Küchentisch und machte mich auf den Weg.

Bevor ich zum Bahnhof fuhr, musste ich noch vorher zum Reitstall. Ich müsste ja eigentlich arbeiten, aber das konnte ich jetzt einfach nicht.

Zum Glück war Michael schon da. Ich ging zu ihm ins Büro, um mich bei ihm abzumelden. Herr Polak war auch gerade da. „Guten Morgen! Störe ich?“

„Guten Morgen! Nein, komm ruhig rein.“, antwortete mir Michael. Ich erzählte den beiden, was geschehen war und bat darum, mich auf unbestimmte Zeit frei zu stellen. Ich wusste, dass es unverschämt war, was ich verlangte und die beiden waren natürlich auch über meine Bitte nicht begeistert.

„Es tut mir leid, aber mehr als zwei Wochen kann ich Sie nicht entbehren. Sollten Sie dennoch mehr Zeit brauchen, sehe ich mich gezwungen Sie zu kündigen.“ Ich verstand und versprach Herrn Polak mich rechtzeitig zu melden. Ich bedankte mich für die Freistellung und verabschiedete mich. Dann bat ich noch Tom, sich um Sternentänzer zu kümmern und war ihm dafür so dankbar, dass er mir diesen Gefallen tat. Danach verabschiedete ich mich noch ausgiebig von Sternentänzer.

 

Nun ging es mit dem Zug nach Passau. Es war ein schöner sonniger Herbsttag; passte irgendwie gerade nicht zu meiner Stimmung. Aber es hellte dennoch mein Gemüt etwas auf.

Jetzt stand ich vor den Toren von „Pullman City“. Tanja, die Kassiererin, erkannte mich und ließ mich anstandslos rein. „Hey, servus Liz!“ – wurde ich freundlich von Deddy begrüßt.

„Hy Deddy!“, versuchte ich ebenso fröhlich zu grüßen. Mit den Worten „Ich wusste gar nicht, dass du uns für ein paar Tage besuchst!?“, nahm er mir den Koffer ab und brachte mich zu meinen Bruder. „War ein spontaner Entschluss.“, antwortete ich nur.

„Hey Melone! Sieh mal, wen ich dir mitgebracht habe.“

Chris war überrascht und freute sich, mich zu sehen. Was er mit einem Lächeln unterstrich. Doch, als er meinen Koffer in Deddy´s Hand bemerkte, fragte er, ob ich etwa für länger bleiben würde. Mit einem Kopfnicken bejahte ich seine Frage. Tja, nun stellte sich die Frage, wo ich nur in dieser Zeit übernachten sollte. Denn mein Zimmer wurde während der Saison an Gäste vermietet; was ja ich selbst veranlasst hatte. (Zur Erklärung: während der Saison wohnten meine Familie und ich in Pullman City.) Ich hätte mich vorher anmelden müssen…

„Du kannst ja bei mir schlafen.“, bot mir mein Bruder an. Aber ich hatte schon längst bemerkt, dass seine Freundin hier in der Stadt war. „Nein, Bruderherz. Ich werde Anna nicht vertreiben.“

Da mische sich Marco ein: „Du kannst bei uns schlafen. Meine Schwester übernachtet jetzt in einer eigenen Wohnung und so ist ihr Zimmer frei.“ Gut, somit war das Übernachtungsproblem aus der Welt geschafft. Deddy brachte meinen Koffer ins Zimmer und ich ging zu Mum und Dad, um sie zu begrüßen. Die beiden waren total überrascht und freuten sich riesig, mich wieder zu sehen. Danach ging ich mich umziehen und machte mich sofort auf den Weg zu Sunny. Er freute sich, mich wieder zu sehen und begrüßte mich mit einem freudigen Wiehern. „Na, erkennst du mich noch?“ Ich schlang meine Arme um seinen Hals und schmiegte mein Gesicht an ihn. Dann machte ich mit ihm einen langen ausgiebigen Ausritt.

Am Abend saßen meine Eltern, mein Bruder, Anna und ich lange zusammen. Wir hatten uns viel zu erzählen. Dabei versuchte ich meine Traurigkeit zu überspielen und erwähnte natürlich nicht meinen Kummer und die Trennung von Marcus und mir. Aber es gelang mir nicht gut genug. Meine Eltern und Chris bemerkten natürlich, dass mir etwas am Herzen lag. Aber meine Eltern sprachen mich nicht darauf an. Sie wussten, wenn ich soweit war und mein Herz ausschütten wollte, dass ich dann zu ihnen kam.

 

Am dritten Tag nach meiner Ankunft, schlug mir Chris einen Ausritt noch vor dem Frühstück vor. Genauso wie die „Bewohner“, war auch ich früh aufgestanden. Ich war dabei und so ritten wir beide zusammen aus. Es war schön, wieder mal mit ihm auszureiten. In Wien vermisste ich unsere gemeinsamen Ausritte!

Chris „entführte“ mich zu „unseren geheimen Platz“. Es war ein schönes grünes Fleckchen, bei einem kleinen Fluss, umringt von Bäumen. Dadurch lag es leicht versteckt. Diesen Ort hatte Chris mal alleine entdeckt und mir sofort gezeigt. Seitdem waren wir oft dort, wenn wir über etwas nachdachten, einfach nur in Ruhe reden wollten oder auch mal Abstand von der „Außenwelt“ benötigten.

Wir stiegen von unseren Pferden und setzten uns auf den Boden. „Seit deiner Ankunft beobachte ich dich. Es bedrückt dich doch etwas. Was ist los?“ Und so schüttete ich ihm mein Herz aus und erzählte ihm, was in letzter Zeit so geschehen war. Danach nahm mich Chris in seine Arme und tröstete mich. Es tat gut, sich bei jemandem Außenstehenden auszureden. Jetzt wurde ich von meinen Gefühlen überwältigt und weinte mich in Chris´ Armen aus.

Nach unserem Gespräch fühlte ich mich besser und ich konnte die restlichen Tage doch mehr genießen. So machte ich mich auch nützlich: Während der Indian Stunt- und Western Shows spielte ich Assistentin, in der American History Show war ich mit Sunny dabei und am Abend – wenn Unterstützung benötigt wurde – half ich als Kellnerin aus. Aber hauptsächlich wurde ich abends zum Tanzen „eingespannt“. Christ hatte wohl Mike und Marco um Aufmunterung für mich gebeten. Es half; ich wurde von meinen Sorgen abgelenkt und genoss es in vollen Zügen.

 

Inzwischen war eine Woche vergangen und ich löste nun mein Versprechen an Yvette ein. Am heutigen Abend rief ich sie an und teilte ihr mit, dass es mir gut ging und ich hier verwöhnt wurde. Nachdem Telefonat fiel mir ein, das ich „nur“ mehr eine Woche von der Arbeit fern bleiben durfte. Es war an der Zeit sich zu entscheiden; entweder hier weiter mein Leben genießen und deswegen meinen Job aufs Spiel setzen, oder wieder zurück nach Wien…

Nun, eine Rückkehr nach Wien, klang im Moment für mich nicht verlockend und mir wäre es lieber gewesen, ich hätte mich hier in Pullman City „verkriechen“ können. Aber das wäre nicht die richtige Wahl gewesen. Ich durfte nicht vor meinen Problemen davon laufen und mich verstecken. Also entschied ich mich, noch ein paar Tage zu genießen und dann wieder nach Wien zurück zu fahren. Für die Abreise wählte ich den Freitag.

Chris brachte mich nach Passau zum Bahnhof und wartete mit mir auf meinen Zug. Die Wartezeit nutzte er, um mich noch aufzubauen. Als der Zug einfuhr, umarmte mich mein Bruder ganz fest und flüsterte: „Pass auf dich auf und melde dich!“

 

In Wien angekommen, fuhr ich gleich nach Hause. Es war niemand da und das war mir nur recht. Ich stellte meinen Koffer in meinem Zimmer ab und verschob das auspacken. Da ich mich im Reitstall zurückmelden wollte, machte ich mich gleich weiter auf den Weg dorthin. Michael stand beim Zaun des Reitplatzes und freute sich, als er mich erblickte. „Hey Elisabeth. Geht’s dir wieder besser?“ Ich nickte. Michael gab mir noch für das Wochenende frei und dafür war ich ihm sehr dankbar. Tom hatte sich wieder – wie immer – wundervoll um Sternentänzer gekümmert! Dafür lud ich ihn nach seiner Arbeit am Naschmarkt zum Essen ein. Während des Essens plauderten Tom und ich über belanglose Dinge.

Ich war froh, dass ich mich für Wien entschieden hatte und wieder da war. Die Auszeit hat mir sehr gut getan, aber mein Zuhause war nun doch irgendwie Wien.

Als sich Tom und ich gerade auf dem Nachhauseweg machten, begegneten wir Marcus. Anfangs war ich erschrocken, aber das legte sich sofort wieder und ich ignorierte ihn.

In Pullman City konnte ich ihn aus meinen Gedanken verdrängen und vergessen. Aber hier in Wien war ich wieder verletzlich und der Trennungsschmerz – obwohl ich den Schlussstrich gezogen hatte – machte mir doch zu schaffen. Aber da musste ich jetzt einfach durch…

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