Kapitel 28

Als wir in Genua angekommen waren, staunte ich nicht schlecht. Ich sah diese Stadt zum ersten Mal und war davon total beeindruckt. Mitten am Hauptplatz stand ein wunderschöner Brunnen, eine Art Kolloseum und andere wundervolle Gebäude. Ich liebe alte Städte! Mein Staunen kostete Marcus ein Lächeln auf dem Gesicht. Schließlich war es auch sein Vorschlag hierher zu kommen. Genua war eine wunderschöne Altstadt und ich war total fasziniert davon.

Da wir schon vor diesem Kolloseum standen, schauten wir auch glich hin, um es näher zu betrachten. Sofort bereute ich es, keinen Fotoapparat mitgenommen zu haben.

Wir schlenderten einfach gemütlich dahin. Máté war auffällig schweigsam… Irgendetwas beschäftigte ihn. Aber vorerst redete ich ihn nicht darauf an.

Gegen Mittag bekamen wir Hunger und suchten uns ein kleines Restaurant. Wir wurden auch bald fündig. Erst wehrte sich Marcus gegen dieses Restaurant, aber wir konnten ihn doch überstimmen.

Während dem Essen schwiegen wir und ich empfand es als bedrückende Stimmung, die mir die Luft nahm. Ich musste unbedingt etwas dagegen unternehmen und ging zur Toilette. Dort wusch ich mir erst mal das Gesicht und ließ dann noch kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen. Nach wenigen Minuten ging es mir wieder besser. Vielleicht signalisierte mir mein Kreislauf nur, dass ich noch zu wenig getrunken hatte und gesellte mich wieder zu den beiden.

Marcus schien es schon eilig zu haben, aus diesem Restaurant zu verschwinden. Aber Máté und ich wollten noch einen Kaffee trinken und so blieben wir noch sitzen. Irgendetwas hier drin, schien Marcus Unbehagen zu bereiten und als die Kellnerin Richtung unseres Tisches kam, stand er auf und verschwand zur Toilette. ‚Vielleicht ist hier wirklich eine stickige Luft‘ dachte ich mir. Aber gut.

Ich nutzte Marcus´ Abwesenheit um mit Máté auf sein bedrücktes Schweigen anzusprechen: „Máté, was ist denn heute mit dir los? Seit wir in Genua sind, bist du so schweigsam.“ Máté erzählte mir, dass sein „Fehltritt“ gegenüber Yvette immer noch schwer auf ihn lastete. Ich versuchte die richtigen Worte zu finden, um ihn aufzumuntern. „… und hey, Yvette hat dir doch verziehen! Oder?“

„Ja. Aber ich weiß nicht mehr, was alles passiert ist. Ob es nur beim Kuss blieb…? Ich kann mich einfach überhaupt nicht mehr daran erinnern. Der totale Filmriss!“

„Als ich euch gesehen habe, habt ihr euch „nur“ geküsst und als ich dich ansprach, bis du sofort von ihr zurückgewichen. Danach ging ich in die Toilette und ich war nicht lange drin. Als ich wieder rauskam, hast du davor gestanden und auf mich gewartet; alleine. Von dieser Frau war nichts mehr zu sehen. Also, ich denke nicht, dass zwischen euch mehr passiert ist.“ Damit konnte ich Máté etwas beruhigen.

Noch bevor Marcus wieder zu unserem Tisch zurück kam, hatte Máté gezahlt. Wir wurden von ihm eingeladen. Als wir schon am gehen waren, wurde Marcus von „unserer“ Kellnerin angesprochen. Er ignorierte es und er reagierte auch nicht auf ihr Rufen, als wir zur Tür raus sind. Ich war verwundert und gleichzeitig wurde mir klar, warum sich Marcus so gegen den Besuch dieses Restaurants gewehrt hatte. Er musste sie schon durch die Eingangstüre gesehen haben und von irgendwoher kannten sich beiden anscheinend. Aber warum war das Marcus unangenehm?

 

Wir erkundigten diese Stadt nun schweigsam weiter. Aber jetzt nahm ich ihre Schönheit kaum war; meine Fantasie drohte verrückt zu spielen. Marcus´ Verhalten gegenüber dieser Kellnerin beschäftigte mich immer noch…

Máté entdeckte ein hübsches Schmuckgeschäft und wollte hinein gehen. Marcus schlug vor, dass er und ich währenddessen auf ihn davor warteten. Aber ich wollte ebenfalls in dieses Geschäft und so ging ich mit Máté hinein. Die hatten wunderschönen Schmuck. Máté hatte für Yvette eine sehr schöne dezente goldene Halskette ausgesucht. Yvette würde sich bestimmt sehr darüber freuen. Während Máté zahlte, beobachtete ich Marcus durch das Auslagenfenster. Ihn schienen quälende Gedanken zu beschäftigen und sein Gesichtsausdruck gefiel mir überhaupt nicht. Plötzlich überrollte mich die Erinnerung von gestern Abend, als wir beide auf der Treppe saßen. Die Tränen in seinen Augen, seine Worte „… ich möchte dich nie verlieren!“ Vielleicht schnappte ich gerade über, aber der Gedanke ‚Hatte er mich etwa auch betrogen?‘ ließ sich nicht verdrängen. Auch wenn mir vor der Erklärung seines heutigen Verhaltens grauste, musste ich mit ihm reden. Erstens brauchte ich Antworten und zweitens hatte ich ja vor wenigen Tagen selbst Yvette geraten, mit Máté zu reden. Ich durfte nicht kneifen.

Nach dem Einkauf gingen wir wieder schweigend weiter und wir kamen an einer wunderschönen alten Kirche vorbei. Die wollte ich mir unbedingt ansehen! Máté wollte draußen warten; Marcus folgte mir. Ich setzte mich in die letzte Bank und er setzte sich neben mich und wir schwiegen. Es mochten zwei Minuten vergangen sein, bis ich meinen Mut zusammengefasst hatte und mich traute Marcus aufzufordern, mir sein Verhalten im Restaurant zu erklären. Er zögerte und schluckte erst mal schwer, bevor er mit seiner Antwort begann. Ich hörte ihm einfach nur zu. Marcus gestand mir, das er mit dieser Kellnerin damals in dem Lokal – wo wir gefeiert hatten – heftig geflirtet hatte und es auch zu einem Kuss kam. Ich dachte ‚Okay, ungefähr so wie bei Máté.‘ Das konnte ich ihm verzeihen. Aber Marcus offenbarte mir, dass es beinahe mehr geworden wäre.

„ … Aber ich hatte doch noch rechtzeitig abgeblockt.“

Ich antwortete nicht sofort und schloss kurz die Augen; wieder hatte ich das Bild von gestern Abend vor mir. Am liebsten hätte ich Marcus eine Ohrfeige verpasst, aber in einer Kirche gehörte sich das nicht. Und wären wir nicht in dieser Kirche gesessen, hätte ich ihn vermutlich auch angeschrien; oder noch schlimmer, eine Szene gemacht. So nahm ich mir Yvette als Vorbild, atmete tief durch und flüsterte nur: „Okay… der Flirt ist für mich kein Problem. Schließlich hatte ich ja auch mit Samuel geflirtet. Nur bei mir blieb es dabei, da es für mich von Anfang an nur Spaß und ohne Bedeutung war! Wobei ich nicht verstand, warum du so wütend zwischen uns gegangen bist. Hast du mir nicht vertraut??“

Ich machte eine kurze Pause und fuhr dann weiter fort: „Den Kuss hätte ich dir auch noch leicht verzeihen können, aber …“ Tränen drohten mich zu überwältigen, aber ich konnte sie tapfer runterschlucken.

„WARUM?“ – mehr brachte ich nicht mehr hervor.

Noch bevor Marcus seinen Mund öffnete und ohne eine Antwort abzuwarten, stand ich auf und ging aus der Kirche raus. Einfach nur weg von hier …

 

Máté entging mein veränderter Gesichtsausdruck nicht. Aber bevor er etwas sagen konnte, wehrte ich gleich ab. Ich wollte nicht darüber reden. Nicht jetzt…

Máté hatte sich noch ein Geschäft gefunden, in das er hinein schauen wollte. Diesmal ließ ich ihn alleine hineingehen. Marcus und ich gingen währenddessen wieder zu diesem Brunnen am Platz und saßen uns dort hin. Inzwischen hatte ich mich wieder etwas gefasst und sah Marcus erwartungsvoll an.

„Du schuldest mir noch eine Antwort Marcus.“ – sagte ich mit ruhiger Stimme, aber bestimmt.

Marcus schien sorgfältig nach den richtigen Worten zu suchen. Er nahm meine Hand; ich ließ es zu.

„Marcus!?“

Marcus sah mich an: „Zu deiner ersten Frage: Natürlich vertraue ich dir! Ich … ich glaube, ich wurde von meiner Eifersucht so überrollt, das ich nicht anders konnte und dazwischen gehen musste. Weißt du, als du mit ihm geflirtet hast, da … das versetzte mir einen Stich im Herzen. Du hast mit ihm gelacht und dabei so gestrahlt. Auf diese Art hast du davor bei mir nie gelacht… Wir hatten schon am Anfang unserer Beziehung Streit. Ja, wir rauften uns zusammen und kamen uns nah und damit die Zärtlichkeiten… Aber dieses Lachen… du hast es als erstes Samuel geschenkt und mir erst danach. Das tat mir weh…“ Okay, ich hatte ihn also unbewusst verletzt und darum war er auf Samuel wütend. Aber vielmehr interessierte mich seine Erklärung für den anscheinend „Beinahe-Seitensprung“.

„Das tut mir leid, Marcus. Ich wollte dich damit nicht verletzen!“ Marcus schüttelte den Kopf, um mir damit zu bedeuten, dass es für mich keinen Grund gab mich bei ihm zu entschuldigen.

„War das auch der Grund, warum du mit dieser Frau…“ ich konnte den Satz nicht zu Ende sprechen.

Marcus hatte Tränen in den Augen und brachte nur ein Flüstern zustande „Ich … Elisabeth, ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr, warum ich so weit gegangen bin. Ich kann es selber nicht mehr nachvollziehen und dir deshalb keine befriedigende Antwort auf das ‚Warum‘ liefern. Ich weiß nur, dass es mir so unendlich leid tut und ich es so gerne ungeschehen machen würde, wenn ich könnte!“

„Diese Sache hat dich gestern Abend schon so gequält, nicht wahr?“

Marcus nickte. Wir wussten beide, dass ich den Moment auf der Treppe meinte. Ich wischte Marcus die Tränen vom Gesicht, die inzwischen über sein Gesicht liefen. „Ich liebe dich! Aber gib mir bitte Zeit, mit dem ganzen klar zu kommen. Okay?“ Er nickte. Ich wusste noch nicht, wie ich mit seinem Geständnis umgehen sollte. Noch habe ich es nicht richtig realisiert.

Máté kam vom Geschäft zurück und wir machten uns auf den „Heimweg.“

 

Als wir gerade den Weg zur Tür raufgingen, kam uns Samuel entgegen. Er sah etwas mitgenommen aus, aber ansonsten schien es ihm gut zu gehen. Wir wechselten kurz ein paar Worte und gingen dann rein. Máté ging auf das Zimmer und Marcus und ich halfen Yvette bei der Vorbereitung fürs Essen.

„Wie war es in Genua?“ wollte Yvette wissen. Marcus und ich tauschten kurz die Blicke und verstanden uns, dass wir nicht (sofort) über unser Gespräch reden wollten. Also antwortete ich nur: „Es war toll; eine wunderschöne Stadt.“ Yvette sah uns skeptisch an. „Ich möchte Máté die Chance geben, dir auch noch was vom Ausflug erzählen zu dürfen.“ sagte ich und versuchte zu grinsen.

 

Nach dem Essen gingen Marcus und ich in unser Zimmer, um unsere Sachen zu packen. Danach stellte ich mich ans Fenster und sah gedankenverloren hinaus. Irgendwann spürte ich Marcus´ Blick auf mir. Ich drehte mich um und streckte ihm meine Hand entgegen. Unsicher kam er zu mir, ergriff vorsichtig meine Hand und wir setzten uns auf das Bett. „Marcus, ich möchte über das ganze gerne mit dir nochmal in Ruhe reden.“ Marcus sah mich mit angsterfüllten Augen an und nickte. So saßen wir sehr lange da, unterhielten uns und weinten. Danach ließ ich mich von Marcus in die Arme nehmen und ließ mich vom Gefühl der Geborgenheit umgeben. Noch eine Weile saßen wir so da, dann begaben wir uns ins Bad um unsere Gesichter zu waschen. Marcus schien nun erleichtert zu sein, dass wir uns in Ruhe ausgesprochen haben. Ich hatte das Bedürfnis, mein Herz bei Yvette auszuschütten.

„Wäre es für dich in Ordnung, wenn ich jetzt mit Yvette darüber reden würde?“

Marcus verstand mich und so bat ich ihn, da er sowieso mit den Koffern nach unten gehen wollte, mir Yvette hochzuschicken.

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