Kapitel 24

Ich konnte Yvette sehr gut verstehen… In allen Sachen. Manchmal beneidete ich sie darum, dass sie so ruhig sein konnte, obwohl ihr sicher oft nach schreien zumute war. Sie musste sich schrecklich fühlen. Ach hätte ich nur meinen Mund gehalten…

„Was stehst du hier noch so blöd rum? Lauf ihr doch nach, Mann!“ – schreckte mich Nicki aus meinen Gedanken. Ich konnte Samuel´s Freundin nicht leiden. Manchmal fragte ich mich, was er nur an ihr fand. Jetzt hatte ich es endgültig satt! Wir wollten alle einen wunderschönen Urlaub genießen, aber irgendwie verging kein Tag, an dem sich die beiden nicht stritten.

„Halt endlich mal deine verdammte Klappe, Nicole! Kümmere dich lieber um deine eigene Beziehung; die ist ja auch nicht gerade vorbildlich!“ – fauchte ich sie an.

„Haltet ein! Eure Zankereien machen die Situation auch nicht besser.“ – schritt Marcus mit ruhiger Stimme aber bestimmt ein. Ja, er hatte recht. Während wir uns hier die Schädeln einhauten, ging es Yvette voll mies und keiner war bei ihr.

Máté wollte gerade aufbrechen, da hielt ich ihn am Arm fest. „Warte. Ich denke es ist besser, wenn ich ihr nachgehe. Du solltest ihr jetzt Zeit geben. Sie muss das ganze erst mal sicher so wirklich realisieren…“. Mit diesen Worten ließ ich einen niedergeschlagenen Máté zurück.

 

Mit langsamen Schritten ging ich Yvette suchen. Da ich mich mit sinnlosem streiten aufgehalten hatte, war schon ein großer Vorsprung zwischen Yvette und mir entstanden. Marcus hatte mir erzählt, dass er mit ihr am Strand geritten ist und sie dabei eine Bucht entdeckt hatten. Vielleicht war sie dorthin gegangen.

Ja, sie stand dort. Ein paar Meter vor Yvette blieb ich stehen, um sie erst mal in Ruhe beobachten zu können. Ich wollte sie nicht gleich überrumpeln, denn ich war mir sicher, dass sie allein sein und über alles nachdenken wollte. Geduldig wartete ich, während die Minuten verstrichen.

Plötzlich brach Yvette zusammen. Schnell lief ich zu ihr. Gott Sei Dank!, sie war bei Bewusstsein. Sie hatte sich aufgesetzt, aber sie war ganz blass im Gesicht. Ich nahm sie in meine Arme, um sie so etwas stützen zu können.

„Yvette?“

Yvette sah mich mit geröteten Augen an. Sie hatte die ganze Zeit geweint; verständlicherweise.

„Warum? Sissy, warum hat er mir das angetan?“

Ich wünschte, ich hätte ihr darauf antworten können. Aber die musste sie sich von Máté holen. Tröstend strich ich ihr über den Kopf, während Yvette sich in meinen Armen ausweinte. Nach einer Zeit schlug ich vor, sich von Máté eine Erklärung seines Handelns anzuhören. Irgendeinen Grund musste es ja dafür gegeben haben. Außerdem war ich fest davon überzeugt, dass er Yvette liebte. Allein seine Reaktion sprach dafür. Mir entging nicht, dass er Tränen in den Augen hatte, als ich ihn davon abhielt Yvette nachzulaufen.

Yvette zögerte. Aber ich ließ nicht locker. „Hör mir zu Yvette: Gib eure Beziehung nicht sofort auf. Ihr beide liebt euch! Das sieht jeder Blinde. Glaubst du, Máté hätte seine Liebe zu dir so offen gezeigt, wenn er es nicht ehrlich mit dir meinen würde?“ Damit konnte ich Yvette noch nicht ganz überzeugen; also weiter. „Ja, er hat einen Fehler gemacht. Aber höre ihn doch wenigstens an! Danach kannst du immer noch entscheiden wie es mit euch beiden weitergehen soll.“ Okay, Yvette schien kurz darüber nachzudenken. Gut; also weiter im Text: „Gib ihm wenigstens die Chance, dir zu erklären, wie und warum es dazu kam.“

„Bitte!“ – flüsterte ich. Endlich konnte ich Yvette davon überzeugen, doch nochmal mit Máté zu reden.

Gemeinsam gingen wir zu unserem Ferienhaus zurück. Marcus wartete auf der Terrasse auf uns. Inzwischen hatte er das „Schlachtfeld“ in Ordnung gebracht.

 

Ich schickte Yvette alleine rein. Die beiden sollten sich in aller Ruhe aussprechen.

Marcus und ich machten es uns im Garten in der Hollywoodschaukel bequem. Ich schmiegte mich an ihn und Marcus legte seinen Arm um mich.

„Marcus?“

„Ja?“

„Ich liebe dich!“

Marcus lächelte mich an „Ich liebe dich auch!“ und küsste mich sanft. Plötzlich überfiel mich eine Sehnsucht nach Geborgenheit und ich drückte mich noch enger an Marcus. Wir hatten nur noch ein paar Tage, um unseren Urlaub zu genießen. Danach wollten wir noch die restlichen freien Tage in Wien verbringen. Werden Yvette und Máté diese Tage hier noch gemeinsam genießen können? Und was passiert, wenn wir wieder in Wien sind? Ich hoffte stark, dass sich die beiden ausredeten und versöhnten!

Mit dem Gedanken an Wien kroch auch die verdrängte Erinnerung an dieses schreckliche Mail hoch. Marcus konnte unseren Urlaub in vollen Zügen genießen und richtig entspannen. Wird ihn in Wien wieder diese panische Angst überfallen? Ich betete dafür, dass er in Wien weiterhin so entspannt bleibt, wie hier.

 

Marcus und ich küssten uns gerade leidenschaftlich und tauschten gegenseitig kleine Zärtlichkeiten aus, als plötzlich Marcus aufhorchte und Richtung Tür schaute. Ich drehte mich um und sah, wie Yvette raus kam. Ich bedeutete Yvette, dass sie zu uns kommen konnte. Sie kam langsam zu uns und setzte sich neben mich. Ihr Gesicht war noch immer ganz blass und sie sah gar nicht gut aus. Automatisch legte ich meine Hand auf ihre Stirn. Yvette schien Fieber zu haben, aber darüber wollte sie jetzt nicht reden.

„Sissy, kann ich die restlichen Tage bei dir im Zimmer schlafen?“ Fragend blickten wir zu Marcus. Natürlich war er davon nicht begeistert, aber er hatte für Yvette Verständnis und war damit einverstanden zu tauschen. Zum Glück waren in Yvette´s und Máté´s Zimmer getrennt Betten; also war es halb so schlimm.

Yvette holte ihre Sachen aus dem Zimmer und brachte es in unseres, während Marcus seine Sachen in deren Zimmer brachte. Danach verfrachtete ich Yvette gleich ins Bett. Sie hatte anscheinend einen Sonnenstich abbekommen.

„Yvette, konntest du dich mit Máté aussprechen?“

Darauf bekam ich die Antwort, wie ich sie befürchtet hatte…

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