Kapitel 20

Máté und die anderen Darsteller wurden von den Fans umkreist und gaben fleißig Autogramme oder ließen sich fotografieren. Marcus konnte sich die Vorstellung nicht ansehen, da er den letzten Tag Probe hatte.

Ich dachte gerade an ihn, als sich plötzlich Yvette umdrehte und einen nicht definierbaren Gesichtsausdruck annahm. Ich wollte mich gerade ebenfalls umdrehen, als einige Mädchen kreischten. Marcus war aufgetaucht. Ich freute mich sehr darüber und wollte es ihm mit einem Lächeln zeigen, aber sein Anblick gab keinen Anlass dazu. Er kam auf uns zu und ich ging ihm entgegen. In seinem Gesicht war Angst geschrieben. Máté, Yvette und ich zogen uns mit Marcus in die Garderobe zurück.

Marcus war ganz blass im Gesicht. Schnell brachte ich ihm ein Glas Wasser. Ich war besorgt um ihn und strich ihm über den Kopf. Plötzlich griff er nach meiner Hand und hielt sie ganz fest. Mit zittriger Stimme begann er zu reden: „Ich … ich habe eine Droh-Mail bekommen…“ Ich war sprachlos und wusste nicht, was ich darauf antworten sollte; so strich ich mit meinem Daumen über seine Hand und sah ihn noch besorgter an. Nach einer kurzen Pause redete Marcus weiter und erzählte, dass ihm jemand anonym drohte. Er solle sich mehr um seine Fans kümmer, schließlich gehört das zu seinem Job. Wenn er weiterhin seine Fans vernachlässigt, sollte ich das zu spüren bekommen. Und dieses Mail sei gefälligst ernst zu nehmen, sonst würde er es bitter bereuen!

‚Mein Gott!‘ dachte ich und war doch dadurch erschrocken. Marcus war den Tränen nahe und hielt meine Hand noch fester.

„Aber da müssen wir doch sofort zur Polizei gehen! Die können das ganze Rückverfolgen, wer dir diese Mail geschrieben hat!“ – warf Yvette ein. Marcus schüttelte den Kopf. Völlig fertig ging Marc auf die Toilette.

„Aber irgendetwas muss man doch dagegen tun!“ – meldete sich Máté. Die Frage war nur was? Zur Polizei wollte Marcus nicht. Ich kam mir vor wie in einem schrecklichen Film. Sofort erinnerte ich mich an dem Abend vom Donauinselfest. Es waren viele Mädchen enttäuscht, weil Marcus sich für sie nicht viel Zeit nahm und mit mir bald verschwand. Ob es eine von ihnen war? Vielleicht... ich weiß es nicht. Aber im Moment konnte ich auch nicht darüber nachdenke.

Marcus kam mit geröteten Augen und einem quälenden Gesichtsausdruck zurück.

„Elisabeth, es ist aus zwischen uns!“

‚Bumm‘ – diese Worte trafen mich erst mal wie ein Schlag und ich musste schlucken. Ich hatte mich aber gleich wieder gefasst und versuchte Marcus zu beruhigen. „Nein! Deswegen müssen wir unsere Beziehung nicht beenden Marcus!“ Er wich meinem Blick aus und wollte gerade gehen. Ich packte ihn bei der Hand „Wir halten uns einfach zurück! Dann kannst du dich mehr deinen Fans widmen und wir beide haben auch noch danach füreinander Zeit.“ Marcus entzog sich meinem Griff. „Bitte!“ – flüsterte ich mit Tränen in den Augen.

Noch einmal sah er mich an. „Nein. Ich kann dich nur schützen, wenn ich mich von dir fern halte.“

Dann drehte Marcus sich um und ging raus, um seine „Pflicht“ zu erfüllen. Er erfüllte geduldig jeden Autogrammwunsch und nahm sich auch Zeit, um mit seinen Fans für Fotos zu posieren.

Mit großer Sorge beobachtet ich Marcus durch das Fenster, während er mit seinen Fans Smalltalk führte und bei jedem Foto tapfer lächelte. Keiner schien zu bemerken, wie müde er wirkte. Ihn hatte sich eine große Angst breit gemacht und ihn auch fest im Griff. Das gefiel mir gar nicht. Sie würde ihn kaputt machen; er würde daran zu Grunde gehen. Ich hatte große Angst um ihn!

Endlich wurden die Fans rar und Marcus lehnte sich an die Mauer des Theaters. Das konnte ich mir nicht mit ansehen. Ich ging zu ihm raus und konnte ihn doch noch dazu überreden, ihn nach Hause zu begleiten. Völlig kaputt gingen wir vier heim. Ich beschloss bei Marcus zu bleiben und Yvette und Máté schickte ich heim. Das war nicht einfach, da sie sich verständlicherweise große Sorgen um uns machten. Aber ich konnte sie davon überzeugen, dass Marcus und ich schon klar kommen werden.

 

Marcus redete kein Wort und schien nahe einem Nervenzusammenbruch zu sein. Zum Glück hatte er jetzt für ein paar Wochen Urlaub.

Ich schickte Marcus unter die Dusche. Dann machte ich uns Tee und stand dann beim Fenster. Gedankenverloren blickte ich hinaus und ließ das eben erlebte nochmal Revue passieren…

Ein Blick auf die Uhr; das Wasser der Dusche war noch immer zu hören. Jetzt wurde ich nervös. Marcus stand schon sehr lange drunter und ich machte mir langsam Sorgen. Meine Phantasie begann verrückt zu spielen und ich hielt es nicht mehr aus. Zum Glück hatte Marcus nicht abgesperrt und ich konnte ins Bad rein. Inzwischen hatte ich mir das schlimmste ausgemalt und Marcus zeigte auch keine Reaktion. Ich öffnete die Duschkabine; Marcus stand mit dem Rücken zu mir an die Wand gelehnt. Sein ganzer Körper bebte. Ich drehte das Wasser ab und Marcus drehte sich erschrocken um. Sein Gesicht war tränenüberströmt. Ich griff mir ein Badetuch und reichte es ihm. Marcus schien gerade seine Umgebung nicht richtig wahrzunehmen und stieg mit zittrigen Beinen aus der Dusche. Mit dem Badetuch um die Hüften und auf mich gestützt, brachte ich ihn ins Wohnzimmer und setzte ihn auf das Sofa. Ich stellte ihm eine Tasse Tee hin und ging schnell mein Shirt wechseln.

Mit einer Tasse Tee in der Hand gesellte ich mich zu Marcus auf das Sofa. Er sagte noch immer kein Wort und starrte schweigsam vor sich hin. Die Minuten vergingen, während ich ihn ebenfalls schweigsam beobachtete. Doch dann hielt ich es nicht mehr länger aus und wollte mir noch einen Tee holen. Als ich gerade aufstehen und gehen wollte, hielt mich Marcus am Arm zurück und zog mich wieder runter aufs Sofa. Mit Tränen in den Augen sah er mich an. Es schien als wollte er irgendetwas sagen, aber wusste nicht recht was.

„Ich bin ja da.“ flüsterte ich und zog Marcus in meine Arme. Wie ein Kind, das Trost sucht, vergrub er sein Gesicht in meinen Armen und ich hielt ihn ganz fest. Tröstend strich ich ihm über Kopf und Rücken. Noch nie hatte ich Marcus so verletzbar gesehen. Nun kamen auch mir Tränen in die Augen und ich vergrub mein Gesicht in seinen Haaren. Lange saßen wir so da … es schien eine Ewigkeit.

Marcus hatte sich wieder etwas gefasst und offenbarte mir, dass er schreckliche Angst um mich hat und mich nicht verlieren möchte. „Das wirst du nicht. Wir werden das gemeinsam durchstehen; dass verspreche ich dir!“ Sanft berührte ich Marcus´ Gesicht und küsste ihn.

Ich bat ihn noch darum, sich wegen des Mails nicht zu sehr fertig machen zu lassen. „Vielleicht kannst du dich trotzdem ein wenig auf unseren gemeinsamen Urlaub mit Yvette, Máté, Samuel und Samuel´s Freundin freuen. Es geht doch schon in zwei Tagen los.“ Ich versuchte ein Lächeln und Marcus nickte schwach.

 

Es war schon längst nach Mitternacht vorbei, als wir uns schlafen legten. Marcus schlief nicht gut. Er wälzte sich unruhig hin und her und schreckte auch mal Schweißgebadet und schnell atmend auf. Marcus setzte sich auf und sah mich an, als wollte er sich vergewissern, dass ich noch neben ihm lag und auch wirklich in Ordnung war. Ich setzte mich ebenfalls auf und berührte ihn an der Schulter. Er ergriff meine Hand hielt sie sich an sein Gesicht, als wollte er spüren, dass ich auch wirklich real bin.

„Was hast du geträumt?“

Ich erhielt keine Antwort. Wir legten uns beide wieder um und ich schmiegte mich an ihn. Vielleicht half es ihm wieder einzuschlafen, wenn er mich spürte. Aber Marcus hielt es im Bett nicht mehr aus und stand auf. Ich blickte ihn fragend an und bekam als Antwort, dass ich weiterschlafen sollte. Irgendwann musste wohl die Müdigkeit doch gesiegt haben und ich eingeschlafen sein. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte, bis ich wieder aufgewacht war. Marcus war nicht mehr ins Bett zurückgekehrt; seine Seite war leer. Das ließ mir keine Ruhe und ich stand auf. Aber die Wohnung war leer und auch nirgends eine Nachricht von Marcus zu entdecken. Ich sah nur sein Handy auf dem Tisch. Jetzt überkam mich panische Angst.

Schnell schlüpfte ich in Klamotten und während ich aus der Wohnung rannte, versuchte ich Yvette telefonisch zu erreichen. Sie schien tief und fest zu schlafen; es kam die Mailbox.

Wo konnte Marcus nur sein? Panik drohte mich zu überrollen. Ich schlug einen Weg ein und meine Füße trugen mich beinahe automatisch zum Raimundtheater. Und tatsächlich: Marcus saß auf der Bank neben dem Bühneneingang. ‚Da haben wir zum Ersten Mal unsere Liebe öffentlich gezeigt.‘ ging es mir durch den Kopf. Ich setzte mich neben Marcus auf die Bank, er drehte sich zu mir um und fragte „Warum?“. Ich hatte keine Antwort und fühlte mich so schrecklich hilflos. Ich wünschte, ich könnte diese schreckliche Angst von ihm nehmen, aber ich wusste nicht wie und das machte mir zu schaffen.

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