Kapitel 10

Da Marcus auch heute wieder zu den Proben musste, wollte er schon zum Raimundtheater aufbrechen. Aber zuvor schlug Yvette vor, dass ich doch bei den Proben zusehen könnte. Wie gerne würde ich mal bei solchen Proben zusehen!

Als hätte Marcus meine Gedanken gelesen, meinte er doch glatt „Warum eigentlich nicht!?“ und wandte sich mit der Frage „Möchtest du mitkommen?“ zu mir. Natürlich war ich dafür Feuer und Flamme! So machten sich Marcus und ich auf den Weg.

Beim Raimundtheater angekommen, wurde Marcus schon von einigen Fans vorm Bühneneingang umlagert. Ich stellte mich etwas Abseits um nicht zu stören. Für mich war es bewundernswert wie geduldig sich Marcus um deren Autogramm- und Fotowünsche kümmerte. Nach fünf Minuten sah er sich nach mir um, nahm mich bei der Hand (mich durchlief es dabei eiskalt und heiß zugleich) und wir gingen rein. Von einigen Leuten kamen Begrüßungen und mir entging nicht, dass ich mit fragenden Blicken beobachtet wurde. Marcus stellte mir alle vor. Als erster viel mir dieser schlanke, etwas blasse, dunkelhaarige Mann auf, der sich dann als Samuel Beckett vorstellte. Nach der ganzen Vorstellungsrunde wurde ich von Steve in den Proberaum begleitet. Marcus zog sich noch schnell seine Sportbekleidung an. Kurz vorm verlassen der Garderobe hörte ich noch wie Steve – Marcus´ bester Freund – zu ihm sowas wie „Hast du dir schon wieder ne neue Braut aufgerissen?“ zu flüsterte. Marcus gab keine Antwort.

 

Die Proben waren ein Wahnsinn! Ich bewunderte diese Darsteller, denn diese Choreographie sah ganz schön anstrengend aus und langte jedem einzelnen der Darsteller viel ab.

Bei Romeo´s „Angst“ bekam ich Gänsehaut, bei Tybalt´s „Schuldlos“ bekam ich Tränen in den Augen und bei Mercutio´s und Tybalt´s Tod musste ich weinen. Die Tränen flossen fast den ganzen 2. Akt. Nach den Proben ging es zur Garderobe zurück. Marcus trödelte irgendwas rum und wurde so der letzte im Proberaum. Er bemerkte meine Tränen, kam auf mich zu; ganz nah und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Danach reichte er mir ein Taschentuch und ging sich umziehen.

 

Es war inzwischen schon 21 Uhr geworden. Die Darsteller berieten sich, was sie noch unternehmen könnten.

Marcus kam gutduftend aus der Garderobe, legte seinen Arm um mich und verabschiedete sich von den anderen. Wir setzten uns auf die Bank vorm Bühneneingang. Marcus nahm meine Hand, spielte – offensichtlich nervös – mit meinen Fingern und fragte mich, wie mir die Proben gefallen haben. Ich antwortete ihm, dass es mir sehr gut gefallen hat und ich mich schon sehr auf das Musical freue. Ich wollte gerade Marcus fragen, ob er mir etwas über sich erzählen möchte, denn ich habe ihm ja auch fast mein ganzes Privatleben offenbart. Aber da kam Steven aus dem Theater und fragte Marcus „Können wir?“.

Marcus stand auf, beugte sich zu mir runter, legte seine linke Hand sanft auf mein Gesicht und hauchte mir einen Kuss auf meine linke Wange. Dann ging er mit Steven fort.

 

Bei diesem Kuss durchströmte mich ein wunderschönes Gefühl und ich verspürte auch ein Kribbeln in meinem Bauch. Eine Weile blieb ich noch auf der Bank sitzen und träumte vor mich hin…

Konnte es sein, dass Marcus für mich etwas empfand?

Langsam wurde mir kalt und ich ging zur U-Bahn. Ein Geschäft hatte noch offen, also kaufte ich mir noch schnell was zum Trinken. Vor mich so dahin träumend saß ich in der U-Bahn und blickte aus dem Fenster. Plötzlich sah ich Marcus einsteigen. Ich wollte schon aufstehen und zu ihm gehen, als eine fremde Frau auf ihn zuging. Die Beiden kannten sich offensichtlich sehr gut, denn sie umarmten sich innig. Natürlich wusste ich nicht, was ich davon halten sollte oder gar denken. Ich wusste nur eines, ich will nichts wie raus aus dieser U-Bahn! Irgendwie war ich wie in Trance. Ich beachtete nicht an welcher U-Bahn Station ich ausstieg und wohin mich meine Beine trugen. Vor mir war auf einmal der Stall in dem ich arbeitete.

Selbstverständlich war es überall finster, aber da ich – wie alle Angestellten hier – einen Schlüssel hatte, konnte ich rein. Mein Weg endet in Sternentänzer´s Box. Er begrüßte mich; sichtlich überrascht mich um diese Zeit hier zu sehen. Ich streichelte seinen Hals, drückte mein Gesicht dagegen. Später hockte ich mich in die Ecke in seiner Box, schlang meine Hände um meine Knie und lehnte mich an die Boxenwand. Sternentänzer ließ sich von mir nicht stören und fraß weiter.

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